KIRCHENSPLITTER
Ein Anruf
Ich fuhr im Zug mit 5 Minuten Verspätung und 6 Minuten Umsteigezeit. Da kam die Ansage: «Der Zug am Perron gegenüber wartet nicht. Reisende fahren bitte eine Station weiter.» Ich begab mich schnell zum Ausgang, sicherte mir eine gute Startposition und hoffte, doch den Anschlusszug zu erreichen. Dort traf ich auf «Mithoffende».
Der Kondukteur neben uns hörte unser Gespräch und sah unseren eisernen Willen, es zu versuchen. Er nahm sein Handy, wählte eine Nummer und sagte:
«Halte bitte die Türen offen, wir fahren ein.» Er kannte den anderen Zugbegleiter persönlich – eine Bitte unter Freunden. Wir dankten ihm herzlich. Er bemerkte: «Sie können mich ja zum Dank in Ihr Abendgebet einschliessen!» Alles lachte. Wir stiegen aus. Ich stellte mich vor ihn hin, schaute ihm fest in die Augen und sagte: «Ich werde Sie in mein Abendgebet einschliessen. » Er schaute mich verdutzt an. Ich eilte zum Zug, stieg voller Dankbarkeit ein und betete für ihn.
Was wohl dieser Moment in ihm ausgelöst hat? Vielleicht den Gedanken, dass Glaube kein staubiges Konzept ist, sondern eine lebendige Verbindung. In Psalm 50, 15, sagt Gott: «Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.» Manchmal ist Gott wie dieser Zugbegleiter am anderen Ende des «heissen Drahts». Er hält die Tür offen, auch wenn wir zu spät dran sind. Gebet ist der kurze Anruf bei dem, der uns kennt. Es macht Lust, das Gespräch zu suchen – nicht nur in den Verspätungen unseres Lebens, sondern auch als Dank für die offenen Türen des Alltags. Die Leitung steht.
Autor: Elke Damm, Diakonin | Datum: 23.04.2026